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Viele Schreibweisen von Personen- und Ortsnamen bereiten Schwierigkeiten, wenn sie auf das kyrillische Alphabet zurückgehen oder auf polnische Schriftzeichen, die es im Deutschen nicht gibt. Namen weichen in den jeweiligen Sprachen, je nachdem ob russisch, ukrainisch, polnisch, englisch oder deutsch gebraucht, voneinander ab. Hier wurde der leichten Lesbarkeit der Vorzug gegeben.

Im Gegensatz zur Printausgabe enthält die eBook-Ausgabe keine Abbildungen.

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© für die Originalausgabe: 2011 F.A. Herbig
Verlagsbuchhandlung GmbH, München
© für das eBook: 2012 F.A. Herbig
Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Karte: Eckehard Radehose, Schliersee
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7766-8112-3

Inhalt

Vorwort

Katyn – das ist ein kleiner, eigentlich unbedeutender Ort von heute 1700 Einwohnern bei Smolensk in Russland. Gleichwohl steht dieses Katyn symbolisch für die großen politischen Massenmorde der jüngeren Geschichte.

In Polen kann jeder, vom Kind bis zum Greis, etwas mit dem Wort »Katyn« anfangen. Es gehört dort zum selbstverständlichen Allgemeinwissen, dass im Frühjahr 1940 knapp 15 000 Offiziere und als Reserveoffiziere dienende Akademiker und Intellektuelle der polnischen Führungsschicht durch die sowjetische Geheimpolizei erschossen wurden.

Die erste entdeckte Mordstätte war Katyn. Der am 5. März 1940 gefasste Beschluss des Politbüros der KPdSU zu den Massenmorden betraf weitere rund 10 000 Polen, deren Gräber bis heute nur zum Teil bekannt sind. Das Gedenken an dieses Verbrechen ist für Polen eine sakrale nationale Angelegenheit. Es ist wichtig, dass wir Deutsche davon wissen, denn wir werden immer Nachbarvölker sein. Doch nicht nur das.

Katyn ist auch Teil der deutschen Geschichte. Moskau beschuldigte 1943 Hitlers Wehrmacht, die Massenmorde begangen zu haben. Deutsche Kriegsgefangene wurden nach Schauprozessen als angebliche Täter öffentlich gehenkt. Das Auswärtige Amt in Bonn und später in Berlin war verschiedentlich mit der Frage befasst, wie diese Fälle im Zusammenhang mit angestrebten Rehabilitierungen zu sehen seien.

Während des Krieges deckten Briten und Amerikaner wider besseres Wissen die sowjetische Lüge, um die Anti-Hitler-Koalition nicht zu gefährden. Aber auch nach dem Krieg wurde das peinliche Thema weitgehend gemieden, um nicht zugeben zu müssen, dass die Moral auf der Strecke geblieben war. Schließlich bewegten sich die sowjetischen Schreibtischmörder weiterhin auf internationalem Parkett, teils sogar als formelle Staatsoberhäupter.

Die sowjetischen und dann russischen Staatsspitzen haben sich zwar seit 1990 zur Verantwortung für die Massenmorde bekannt, aber der bis 2010 hingezogenen, wirksam in Szene gesetzten Veröffentlichung einzelner Dokumente steht der willkürlich anmutende Wechsel von Öffnung und Schließung der staatlichen Archive gegenüber.

Darüber hinaus haben es die russischen Staatsanwaltschaften und Gerichte bis heute verstanden, die Täter mehr zu schützen, als sie zu verfolgen. Nie hat es eine Anklage gegeben. Der »Fall Katyn«, über die Jahrzehnte betrachtet, zeigt, wie stark die Stalin-Zeit im gegenwärtigen Russland nachwirkt. Doch nicht nur das.

Im Wald von Katyn verscharrt liegt auch Winzenty Wolk. Als er von den Schergen des Geheimdienstes NKWD ermordet wurde, war der Dozent an der Artillerieschule in Zambrow 31 Jahre alt. In seiner letzten Karte an seine Familie, am 6. März 1940 mit drei blauen Zehn-Kopeken-Marken frankiert, bat er seine Frau, sie möge mit der Taufe ihrer gerade geborenen Tochter Witomila warten, bis er wieder daheim sei. Dieses kleine Mädchen von damals feierte 2010 den 70. Geburtstag. Ihre hochbetagte Mutter Ojcumila Wolk-Jezierska, Jahrgang 1917, hat nie wieder geheiratet.

Gemeinsam mit anderen Angehörigen von Opfern der Morde von 1940 klagt Witomila Wolk-Jezierska in Straßburg vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Vertreten wird sie in dem seit 2009 laufenden Verfahren durch den international renommierten Professor für Europäisches Recht an der Universität Krakau und Mitglied der polnischen Akademie der Wissenschaften Professor Ireneusz Kaminski.

Die Beteiligten hoffen, dass noch 2011 ein Urteil vorliegen wird. Der Ausgang des Prozesses wird das Verhältnis der Polen zu Europa und das Vertrauen in die Kraft der Rechtsstaatlichkeit beeinflussen. Doch nicht nur das.

Ausgerechnet auf dem Weg zu einer Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestages der Massenmorde stürzte im April 2010 die polnische Präsidentenmaschine mit fast 100 Persönlichkeiten aus der Spitze von Staat und Gesellschaft ganz in der Nähe von Katyn beim Anflug auf den Smolensker Flughafen ab. So steht Katyn auch für ein zweites nationales Trauma Polens.

Der Flugzeugabsturz hat Polen innerlich aufgewühlt. Staatspräsident Lech Kaczynski galt als überaus nationalbewusster, stark polarisierender Politiker. In der Stunde seines Todes war Polen in Trauer vereint, so wie das Leidenssymbol Katyn Polen in aller Welt über Jahrzehnte zusammenhielt.

Doch die Frage der Einfügung des plötzlichen Todes eines Großteils der Staatsführung – wieder bei Katyn und wegen Katyn – ins Geschichtsbild des Martyriums Polens führte zu Streit. Der Keim für neue Mythen zu Lasten einer Versöhnung zwischen Polen und Russland ist gelegt. So schwärt die Wunde Katyn weiter, statt zu vernarben.

Das vorliegende Buch versteht sich nicht als weiterer Beitrag zur historischen Detailforschung. Es soll ein Gesamtbild zum Thema Katyn über sieben Jahrzehnte hinweg zeichnen. Es erzählt nicht nur von den Massenmorden an der polnischen Elite, sondern auch von Geschichtsfälschungen, Erpressung, Justizverbrechen und mysteriösen Todesfällen. Es zeigt, dass Geschichte sich oft liest wie ein Kriminalroman.

Es ist keine angenehme, erbauliche Lektüre. Zu erschreckend ist die Vermengung von Politik und Verbrechen im Fall Katyn, zu unglaublich sind die Brutalität und der Zynismus totalitärer Machtmenschen, zu empörend ist es zu sehen, wie oft diese ungestraft davonkommen, zu bitter ist es zu erleben, wie schnell Recht und Gerechtigkeit unterliegen.

Aber das Buch erzählt auch von der berechtigten Zuversicht, dass sich zumindest die Wahrheit am Ende doch durchsetzt, wenn der Wille dazu und ein langer Atem vorhanden sind.

Von der Gefangenschaft in den Tod

15. April 1940, 20 Kilometer westlich von Smolensk an der Straße nach Witebsk. Erste milde Frühlingssonnenstrahlen blinzeln durch die Wolkendecke, Kiefern wiegen sich im Wind. Malerisch ist die Hügellandschaft am Steilufer des Dnjepr. Neben der kleinen Siedlung Sofiewka liegt auch der Forst von Katyn.

Traumhaft schön und himmlisch ruhig könnte es hier sein. War es auch einmal, vor langer Zeit, als der Wald der polnischen Familie Kozlinski und seit 1896 der Familie Lednicki gehörte. Auf sie geht auch das große, zweistöckige Wohnhaus am Ufer der »Ziegenhöhe« zurück, das die Einheimischen achtungsvoll das Dnjepr-Schlösschen nennen. Doch dann kam 1917 die Revolution. 1919 wird in Smolensk die Weißrussische Sowjetrepublik gegründet, der Forst von Katyn enteignet. Die Tscheka, die Geheimpolizei der Kommunisten, nutzt ihn für Hinrichtungen, besser gesagt für politische Morde. 1929 beschlagnahmt eine Kommission der GPU, wie die Geheimpolizei seit 1922 heißt1› Hinweis, das Gelände. Zwei Jahre später wird der Wald mit Stacheldraht umzäunt, werden Schilder aufgestellt: »Sonderbezirk der GPU – Zutritt für Unbefugte verboten.«

Besonders in den Sommermonaten geht es lebhafter zu. Dann nutzen NKWD-Agenten und NKWD-Offiziere aus Smolensk und Minsk das Haus als Erholungsheim. Ihnen stehen ein Koch, ein Hausmädchen und ein Fahrer stets zu Diensten. Derweil hat die Geheimpolizei wieder einen anderen Namen bekommen: NKWD (Народньій комиссариат внутренних дел, russisch Narodny kommissariat wnutrennich oder deutsch Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten).

Manchmal sind Schüsse zu hören, die vom Dnjepr-Schlösschen herkommen. Aber die Einheimischen kann das nicht davon abhalten, unter dem Zaun hindurchzukriechen, um im Wald je nach Jahreszeit Pilze, Beeren oder Brennholz zu suchen, so wie sie es immer schon getan haben.

Nicht jedoch in diesem April 1940. Der Wald ist schärfer bewacht als üblich. Wo sonst ab und zu ein Wachmann mit Hund Streife geht, ist es jetzt unmöglich, ungesehen durch den Zaun zu schlüpfen.2› Hinweis Was die Einheimischen nicht wissen, nicht einmal ahnen: Im Dnjepr-Schlösschen wartet ein Sonderkommando des NKWD, um auf gemeinsamen Befehl Stalins und des gesamten Politbüros etwa 3500 polnische Offiziere und Reserve-Offiziere zu ermorden.

Eines Tages fahren »Schwarze Raben« (Tschornij woron) vor. So werden die berüchtigten schwarz gestrichenen Kastenwagen des NKWD genannt. Aus ihnen heraus stolpern Männer in polnischen Uniformen sowie eine Frau. Sie haben die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. NKWD-Schergen schnitten dazu Hanfstricke auf gleiche Länge zurecht. Sie benutzen einen besonderen Knoten, bei dem die Hände nicht über Kreuz, sondern mit der Außenfläche der Hände aneinander auf dem Rücken gehalten werden. Das macht jede Bewegung schmerzhafter.

Vielen der Gepeinigten wird der Mantel über den Kopf gezogen und mit einem Hanfstrick um den Hals gebunden. Manchen wird der Strick den Rücken hinunter um den Knoten an den Händen geführt, die Arme hochgezogen und der Hanf mit dem Kranz um den Hals verschnürt. Die so Gefesselten laufen bei jeder Armbewegung Gefahr, sich selbst zu erdrosseln.

Die ersten Offiziere treten an den Rand der ausgehobenen Grube. Sie spüren den Lauf der Pistole im Nacken. Schräg angesetzt fällt der Schuss. Die Kugel tritt in Stirnhöhe wieder aus. In der Regel reicht ein Schuss pro Gefangener, die NKWD-Henker haben geübte Hände. Ein NKWD-Mann schreitet die Reihe ab, ein weiterer versieht die achtschüssige Selbstladepistole mit neuer Munition beziehungsweise tauscht die Waffe aus, sobald sie heiß geschossen ist. Zwei weitere Schergen halten die Gefangenen fest.

Das NKWD verwendet in Katyn deutsche Walther-Pistolen aus Zella-Mehlis. Die sonst üblichen Tokarew oder Negant-Revolver versagen zu oft bei Dauerbelastung. Das Kaliber 7,65 D und in einigen Fällen Kaliber 6,35 entspricht dem Kaliber der Tokarew. Die Munition stammt von der Waffenfabrik Gustav Genschow und Co. (GECO) in Durlach bei Karlsruhe, die seit den 1930er-Jahren in die Dynamit Nobel AG als Tochterfirma integriert ist. Nach Abschluss des Rapallo-Vertrages von 1922 lieferte die Firma Genschow 1929 solche Munition an die Sowjetunion. Bis zu 50 000 Schuss waren vor Kriegsausbruch zudem an die baltischen Länder verkauft worden, bis diese von den Sowjets besetzt wurden. Polen erwarb bis zu den letzten Jahren vor dem Krieg ebenfalls große Mengen dieser Munition. Die landete dort nicht nur in der Armee, sondern überflutete auch den Privatmarkt.3› Hinweis

An diesem letzten April-Tag folgt ein Schuss dem anderen. Die ersten Gefangenen müssen am Grubenrand in die Knie gehen. In der Regel fallen sie vornüber in die Grube. Die Nachfolgenden werden gezwungen, sich auf die Leichen ihrer Kameraden zu legen. Manche werden, auch ohne zuvor erschossen worden zu sein, hinabgestoßen. Die Geräusche gehen ineinander über. Schüsse, Schreie, Stoßgebete, Weinen. Der 69-jährige Bauer Parfeon Kisseljew, der in der Nähe der »Ziegenhöhe« wohnt, hört das Grauen bis in seine Kate.4› Hinweis

Wer anfängt zu schreien, dem stopfen die NKWD-Henker eine Handvoll Sägemehl in den Mund, den sie mit Filzstreifen, an denen rechts und links Schnüre befestigt sind, zubinden. Wer sich wehrt, dem werden mit dem Pistolenkolben Zähne ausgeschlagen oder andere Kopfverletzungen zugefügt. Barbarische Prozeduren, die auch Leutnant Stefan Mejster über sich ergehen lassen muss. Der 53-Jährige wird mit Stichen des vierkantigen sowjetischen Bajonetts an Armen, Schenkeln und Gesäß zu Tode gequält.5› Hinweis Jeweils nach einigen Schichten werfen die NKWD-Schergen abgelöschten Brannt- und Chlorkalk auf die Leichen, um Blut- und Fäulnisgeruch zu überdecken. So liegen sie am Ende alle aufgeschichtet da, mit dem Kopf nach unten, in der genauen Folge ihres Abtransportes aus dem Kriegsgefangenenlager Koselsk. Am Ende sind acht Massengräber, je zwei bis dreieinhalb Meter tief, mit Leichen in neun bis zwölf Schichten gefüllt. 4421 Ermordete, fast alles Offiziere, unter ihnen die Generäle Mieczyslaw Smorawinski und Bronislaw Bohatyrewicz sowie ein Militärgeistlicher; auch 22 Zivilisten sind unter den Toten.6› Hinweis Verscharrt in Katyn liegt auch Winzenty Wolk, ein knapp 31 Jahre alter Dozent an der Artillerieschule für Reservisten in Zambrow.7› Hinweis Und eine Pilotin ist dabei: Die 30-jährige Janina Lewandowska, Leutnant der polnischen Luftwaffe.

Als alles vorüber, der letzte Schuss gefallen ist, fahren die Schergen mit einer Planierraupe heran, glätten die Oberfläche und lassen die Fläche mit kleinen Koniferen bepflanzen.

Einmarsch von beiden Seiten

Am 23. August 1939 schließen Adolf Hitler für das »Dritte Reich« und Josef Stalin für die Sowjetunion zur Verblüffung der restlichen Welt einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilen die ideologischen Todfeinde Ostmitteleuropa untereinander auf: »Für den Fall einer territorialen und politischen Umgestaltung der zum polnischen Staat gehörigen Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR annähernd durch die Linie Narew-Weichsel-San begrenzt sein.«8› Hinweis

1. September 1939, 5:45 Uhr: Die deutsche Wehrmacht Hitlers marschiert in Polen ein. Am 16. September ist Warschau eingeschlossen.

17. September, 3:00 Uhr: Die Rote Armee Stalins dringt von Osten her nach Polen ein. Beide Armeen stoßen bis zu jener geheim vereinbarten Linie vor. Die polnische Armee, im Westen schon geschlagen, wird von dem sowjetischen Ein- fall vollkommen überrascht. Ihr Oberbefehlshaber, Marschall Edward Rydz-Smigly, gibt bekannt, die Sowjetunion werde nicht als kriegführende Partei angesehen und deshalb sei den sowjetischen Truppen kein Widerstand zu leisten. Mit deren Befehlshabern sei über einen freien Abzug nach Rumänien oder Ungarn zu verhandeln.

Auch der schon erwähnte Oberleutnant Winzenty Wolk glaubt das. Ein tödlicher Irrtum. Seine Artillerieschule für Reservisten in Zambrow war am 6. September 1939 geräumt und nach Wlodzimierz Wolynski nördlich von Lemberg verlegt worden. Als die Rote Armee dort einrückte, hielten die Polen sie für Verbündete.

Die polnischen Streitkräfte im Osten kämpfen nicht oder nur unkoordiniert. Allein einige Abteilungen des polnischen Grenzverteidigungskorps (KOP) und kleinere Verbände des Heeres führen hoffnungslose Abwehrkämpfe. Wo Widerstand geleistet wird, werden aus sowjetischen Flugzeugen abwechselnd Bomben und Flugblätter abgeworfen: »Soldaten! Glaubt Euren Offizieren nicht. Die Offiziere und Generäle sind Eure Feinde (…). Soldaten! Vernichtet Eure Offiziere und Generäle (…)! Lauft mutig zu uns, Euren Brüdern, zur Roten Armee über! Die Armee der Sowjetunion ist Euer einziger Freund!« Unterzeichnet sind die Flugblätter von Marschall Semjon Timoschenko, dem Befehlshaber der sich über den südöstlichen Teil Polens erstreckenden sogenannten ukrainischen Front.

Die Offiziere und Soldaten des polnischen Grenzverteidigungskorps, die den Sowjets als Erste in die Hände fallen, werden unverzüglich nach Russland deportiert, sofern sie nicht auf der Stelle umgebracht werden. Viele polnische Soldaten gehen in dieser ungeordneten Lage einfach nach Hause, andere fliehen über die Grenzen nördlich nach Litauen oder südlich nach Rumänien und Ungarn. Der prominenteste Flüchtling in Richtung Rumänien ist Oberbefehlshaber Edward Rydz-Smigly.

In einer besonderen Lage befindet sich Lemberg (russisch Lwow, ukrainisch Lwiw). Die Stadt ist sowohl von Deutschen als auch von Sowjets umschlossen. Es kommt zu einer Unterredung zwischen General Wladyslaw Langner, Befehlshaber der dortigen Garnison, und General Nikolai Iwanow als Gesandter von Marschall Timoschenko. Iwanow schlägt einen ganz neuen Ton an: »Alle Offiziere und andere Dienstgrade werden nach Übergabe ihrer Waffen frei sein und können je nach Wunsch in ihre Heimat zurückkehren, beziehungsweise die ungarische oder rumänische Grenze überschreiten. Woraufhin jeder für sich versuchen kann, zu der in Frankreich neu gebildeten polnischen Armee zu stoßen. Darüber hinaus werden jene, die die Rückkehr in die Heimat wählen, von den Sowjet-Behörden Schutz und jede mögliche Unterstützung beim Transport und der Verpflegung auf ihrer Reise erhalten.«9› Hinweis

General Langner glaubt General Iwanow. Alle Offiziere Langners geben ihre Waffen im Hauptquartier ab. Als sie sich zum Abmarsch in Richtung rumänische Grenze sammeln, sehen sie sich jedoch plötzlich von sowjetischen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten umgeben. Langner will von Iwanow wissen, warum die Vereinbarung gebrochen werde. Der antwortet: »Oh, seien Sie unbesorgt. Wir müssen Ihre Offiziere beschützen und ihre Sicherheit garantieren. Sie werden alle nach Tarnipol10› Hinweis geleitet und von dort, wie wir ausgemacht haben, je nach Wunsch – entweder heim oder ins Ausland.«

Tatsächlich aber werden die Gefangenen in Viehwaggons nach Russland transportiert, unterwegs mit Kolben geschlagen und mit Bajonetten gestochen. Nur wenige entkommen. Unter ihnen ist General Langner, der die rettende rumänische Grenze erreicht. Doch bleibt der Name Langner Stalin im Gedächtnis, wie noch zu sehen sein wird.

Wie in Lemberg setzen die Sowjets auch anderswo alles daran, der polnischen Offiziere und Reserve-Offiziere habhaft zu werden. Schließlich stammen sie in der Regel aus gehobenem bürgerlichen Milieu, haben Universitäten durchlaufen, beherrschen Fremdsprachen, verfügen über internationale Verbindungen und bilden mit die Führungsschicht der Nation. Sie denken polnisch-national und sind in ihrer großen Mehrheit vom Wunsch durchdrungen, möglichst bald an der Seite der Garantiemacht Großbritannien oder von Frankreich aus gegen Deutschland zu kämpfen.

In den folgenden Wochen tauschen viele Reserve-Offiziere ihre Uniform wieder mit der Zivilkleidung. Die Sowjets übersäen alle Städte mit Anschlägen. Aktive Offiziere wie Reserve-Offiziere werden aufgefordert, sich zu melden. Ihnen wird gleichberechtigte Behandlung als Offiziere der Roten Armee zugesichert. Viele melden sich freiwillig, andere werden aus ihren Wohnungen heraus verhaftet. Sie alle werden deportiert. In Wilna wird Ende September ein bis dahin unbedeutender Oberst namens Zygmunt Berling von den Sowjets abgeführt. Auch sein Name wird im Zusammenhang mit der Geschichte um Katyn noch von Bedeutung sein.

Das Ergebnis des deutschen und sowjetischen Angriffs: Ein unabhängiges Polen existiert nicht mehr. Hitler verleibt seinem Reich 188 737 Quadratkilometer ein. Stalin annektiert am 2. November 1939 rund 200 036 Quadratkilometer. Die sowjetische Beute entspricht in etwa jener Fläche, die die Sowjetunion 1921 im Vertrag von Riga an Polen abtreten musste. Marschall Jozef Pilsudski hatte diese Gebiete in einem Krieg gegen die Sowjetunion, die die Revolution nach Westen tragen wollte, erobert und auf diese Weise das polnische Staatsgebiet über die Versailles-Grenzen hinaus weit ausgedehnt. Die Rote Armee drängte die Polen bis wenige Kilometer vor Warschau zurück, doch dann wendete sich das Blatt. Unter den flüchtenden Rotarmisten befand sich auch Stalin. Die zirka 13,4 Millionen Menschen in diesem »Ostpolen« sind 1939 lediglich zu etwa einem Drittel Polen und einem weiteren Drittel Ukrainer, der Rest setzt sich aus Weißrussen, Russen, Litauern und anderen Nationalitäten und Juden zusammen. Am 29. November 1939 werden alle Einwohner, die bisher polnische Staatsbürger waren, zu Sowjetbürgern erklärt.

In den Augen der Sowjets sind die polnischen Offiziere hinderlich bei dem Vorhaben, vor allem das annektierte Ostpolen zu sowjetisieren. Polnische Offiziere gehörten schon während der russischen Revolution von 1917/18 als Angehörige der früheren zaristischen Armee zu den ersten Opfern des »Volkszornes« der Bolschewiken. Und viele der jetzt polnischen Kriegsgefangenen hatten bereits zum alten Bestand der kaiserlich-russischen Armee gezählt, weswegen die Gefahr groß erscheint, ebenjene Offiziere und Reserve-Offiziere könnten den Kern einer Widerstandsbewegung bilden.

Insgesamt gehen rund 240 000 polnische Soldaten in sowjetische Gefangenschaft. Noch im September 1939 werden 138 Lager in den besetzten polnischen Gebieten und in den westlichen Teilen der Sowjetunion eingerichtet. Diese können jedoch nicht alle Häftlinge aufnehmen; die Versorgungsengpässe und sanitären Probleme sind enorm. Tausende von Gefangenen werden in vollgepferchten Zügen bei eisiger Kälte kreuz und quer durch die Sowjetunion gefahren. Zum Leiter aller Lager wird der NKWD-Oberstleutnant und Kommissar für Inneres der ukrainischen Sowjetrepublik Iwan Serow ernannt. Er wird noch eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Ermordung der polnischen Offiziere übernehmen.11› Hinweis

Darüber hinaus werden in den folgenden Monaten mehr als eine Million Polen als Häftlinge oder Zwangsarbeiter verschleppt.12› Hinweis Von den vier Deportationswellen im Februar, April und Juni 1940 sowie im Juni 1941 sind vor allem Akademiker, Beamte, Kaufleute, Bauern sowie jene Polen betroffen, die zu Tausenden vor den Deutschen nach Ostpolen geflohen waren. Zu den ins Altai-Gebirge zur Zwangsarbeit Verschleppten gehört auch ein Gutsherr und Rittmeister der Reserve namens Michael Jaruzelski. Er ist der Vater von General Wojciech Jaruzelski, der später als Staatschef im Polen unter Kriegsrecht mit der Katyn-Frage konfrontiert sein wird.

Die drei NKWD-Lager

So unübersichtlich und unorganisiert die Lage insgesamt erscheint, so sehr und genau interessiert sich Lawrentij Pawlowitsch Berija, der erst 40 Jahre alte Chef des NKWD, für die polnischen Offiziere und Reserve-Offiziere. Er stammt wie Josef Stalin aus Georgien. Nach der Revolution von 1917 schuf er sich schon im jungen Alter bei der gnadenlosen Unterdrückung Georgiens einen gefürchteten Ruf.

Am 3. Oktober 1939 befiehlt Berija, Offiziere, Intellektuelle und Fachkräfte in Zivilberufen in folgenden Lagern zu konzentrieren: Ostaschkow nahe der oberen Wolga bei Kalinin, Starobelsk (auch Starobielsk) etwa 200 Kilometer südöstlich von Charkow in der Ukraine sowie Koselsk (auch Kozielsk) rund 250 Kilometer südöstlich von Smolensk. Bald befinden sich mehr als 15 000 Offiziere, Reserve-Offiziere und Militärgeistliche in den drei Lagern, die sich von anderen Gefangenenlagern in einem wesentlichen Punkt unterscheiden: Sie unterstehen nicht der Roten Armee, sondern dem NKWD. Damit gelten die Insassen auch nicht als Kriegsgefangene, sondern von vornherein als Häftlinge des NKWD.

Das Ganze folgt einer teuflischen Logik: Da die Sowjetunion Polen nie den Krieg erklärte, sondern aus ihrer ideologischen Sicht heraus geschichtlich zwingend vom Kapitalismus zur höheren Stufe des Sozialismus führt und somit sogar »befreit«, kann es auch keine Kriegsgefangenen geben. Doch selbst wenn die Inhaftierten als Kriegsgefangene anerkannt würden, änderte dies nicht viel: Die Genfer Konvention von 1929, die den Status und die Rechte von Kriegsgefangenen festlegt, hat die Sowjetunion nicht unterzeichnet. Und in der sowjetischen Logik gilt: Wer sich gegen die ideologisch »legitime« und nach dem Lenin-Stalinschen Terrorrecht »legale« neue Ordnung stellt, ist ein politisch motivierter Krimineller. Ein Soldat ist somit ein bewaffneter Bandit und mehrere Soldaten sind bewaffnete Banden.

Das Lager Koselsk ist auf dem Gelände des früheren orthodoxen Optina-Pustyn-Klosters eingerichtet. Schon kurz nach dem Einmarsch der Sowjetunion wurde es mit polnischen Gefangenen belegt. Es bietet ein buntes Bild an Herkunft und Schicksalen. Am 1. Dezember 1939 werden dort 4727 Internierte gezählt: ein Admiral, vier Generäle, 17 Kapitäne zur See, 24 Oberste, 79 Oberstleutnants, mehr als 4400 andere Offiziere, darunter fast 400 Sanitätsoffiziere, sieben Militärgeistliche, drei Großgrundbesitzer, ein Prinz, 43 Regierungsbeamte, mehr als 100 weitere Personen.13› Hinweis

In Koselsk sind auch mehrere Offiziere inhaftiert, die bereits aus dem Ersten Weltkrieg schwerversehrt heimkamen. Hauptmann Dlugosz vom Sanitätsdienst verlor ein Bein, zwei Oberste jeweils einen Arm und Hauptmann Horoszkiewicz hat einen verkrüppelten Arm. Außerdem werden dort drei Frauen festgehalten. Zwei von ihnen werden bald abgeführt und verschwinden für immer. Die Dritte ist die bereits erwähnte 30-jährige Janina Lewandowska, Fliegerleutnant, Tochter des aus der Zeit des Ersten Weltkrieges viel genannten Generals von Dowbor-Musnicki, verheiratet mit Oberst Lewandowski. Sie wurde im September 1939 abgeschossen und geriet in Gefangenschaft.14› Hinweis

Im Lager Starobelsk befinden sich Anfang Dezember 3920 Gefangene, von denen 3400 Offiziere sind, darunter acht Generäle. Einer der Generäle ist Franciszek Sikorski, Bruder des Premierministers der Exilregierung, Wladyslaw Sikorski.15› Hinweis Auch Dr. Viktor Kalicinski ist dort. Er diente Marschall Josef Pilsudski, nach 1919 zunächst Staatschef der polnischen Republik, nach 1926 Minister und der starke »zweite Mann«, mehrere Jahre lang als Hausarzt und balsamierte nach dessen Tod 1935 den Leichnam ein. Im Januar 1940 wird Kalicinski ins Lager Koselsk verlegt.

Das dritte Lager, Ostaschkow im Norden Russlands, ist im ehemaligen Kloster Nila untergebracht. Es liegt auf der Insel Stolobny im Seliger-See und ist durch eine Brücke mit dem Land verbunden. Hier finden sich Anfang Dezember 1939 rund 6500 Internierte, hauptsächlich Angehörige der Polizei, der Militärpolizei, des Grenzverteidigungskorps sowie Zivilisten, darunter mehrere 100 Geistliche, Rechtsanwälte, Staatsanwälte und »Klassenfeinde« wie Gutsbesitzer.

In den drei Lagern werden die Gefangenen argwöhnisch vom NKWD bewacht. Die Verpflegung ist knapp. Offiziere werden gelegentlich zum Latrinenreinigen herangezogen. Zeigt jemand besondere Führungsqualitäten, wird er in Einzelhaft genommen. Selbst der allabendliche Gottesdienst wird verboten. In Koselsk werden unmittelbar vor Weihnachten fast alle Geistlichen von den übrigen Gefangenen getrennt und verschleppt; ähnlich ist es in Starobelsk und in Ostaschkow.16› Hinweis

Ein Vertreter der staatlichen Vermögensverwaltung erscheint und kauft den Häftlingen Wertgegenstände ab. Für Armbanduhren gibt es weit mehr als für Taschenuhren. Ein Füllfederhalter bringt beachtliche 20 Rubel ein. Der Verkauf von Wertsachen ist eine der wenigen Möglichkeiten, das Leben durch Einkäufe in den Lagergeschäften zu verbessern.17› Hinweis Der einzige Lichtblick in dieser Zeit ist für die Gefangenen die Erlaubnis, mit Angehörigen und Bekannten zu korrespondieren. Doch hin und wieder wird Post beschlagnahmt – die Häftlinge dürfen nicht zugeben, dass sie sich in Gefangenenlagern befinden. Die Briefe in Koselsk tragen den Stempel: »Gorki-Erholungsheim«. Politische Diskussionen sind streng verboten, dagegen werden die Gefangenen mit kommunistischer Propaganda überhäuft. Auf dem Lagergelände werden Anschlagtafeln errichtet, die die sowjetische Verfassung und ihre »Freiheiten« verkünden. Aus Lautsprechern tönt in jede Ritze der Baracken weitere Propaganda, »aufgelockert« durch Musik von Chopin. In Starobelsk und Koselsk gibt es Kinos, in denen Filme aus sowjetischer Produktion mit Propagandaeinblendungen gezeigt werden. Wegen mangelnden Besuchs werden sie jedoch bald wieder geschlossen.

Leutnant Mlynarski aus dem Lager Starobelsk hält später fest: »Propaganda allgemeinen Charakters wurde durch den Rundfunk, die Moskauer Tagespresse (Prawda und Iswestija), einige weniger bedeutende Zeitungen aus Charkow und durch Filme ins Lager gebracht. Außer den russischen Zeitungen bekamen wir die Glos Radziecki (Stimme der Union), ein irgendwo in Charkow oder Kiew gedrucktes Blatt in mangelhaftem Polnisch. Dieser Fetzen brachte unser Blut zum Kochen, aber nachdem wir ihn einmal gelesen hatten, fanden wir ihn sehr nützlich (…).«18› Hinweis

Immer wieder, oft Nacht für Nacht, werden die Gefangenen verhört, nach ihren Einstellungen und ihrem Leben befragt. Ständig werden dieselben Fragen gestellt. Die Reaktionen werden beobachtet und ausgewertet. Mal schreit der NKWD-Verhörer, mal gibt er sich jovial. Es geht um Psychologie, um die Entwicklung der Technik der Gehirnwäsche. In Ostaschkow taucht einmal ein Dutzend Schüler aus NKWD-Ausbildungsheimen auf, um Verhörpraktiken beobachten zu können.19› Hinweis

Der Maler und Hauptmann Jozef Graf Czapski berichtet Jahre später über Starobelsk: »Einmal wurde ich von drei Offizieren verhört – einem stämmigen, nach Parfüm duftenden NKWD-Mann und zwei höchst primitiven Heeresoffizieren. Als sie hörten, dass ich acht Jahre lang in Paris als Künstler gearbeitet hatte, wurden sie äußerst misstrauisch. ›Welche Instruktionen erteilte dir dein Außenminister vor deiner Abreise nach Paris?‹, fragte der NKWD-Mann. Ich entgegnete, der Minister habe nichts von meinen Absichten gewusst. ›Nun gut‹, fuhr er fort, ›was hat dir dann sein Stellvertreter gesagt?‹ – ›Er wusste ebenfalls nichts davon‹, antwortete ich. ›Denn ich ging als Maler nach Paris und nicht als Spion.‹ – ›Du glaubst wohl‹, bohrte er hartnäckig weiter, ›wir begreifen nicht, dass du als Maler recht wohl einen Plan von Paris anfertigen und einem Minister nach Warschau schicken konntest?‹ (…) Es war absolut unmöglich, ihn davon zu überzeugen, dass man in Paris an jeder Straßenecke für 50 Centimes einen Stadtplan kaufen kann und dass die polnischen Künstler, die nach Paris gehen, nicht als Spione kommen, um geheime Pläne zu zeichnen. Keiner von den dreien konnte glauben, dass irgendwer ins Ausland reisen durfte, es sei denn mit einem Spionageauftrag.«20› Hinweis Czapski wird von Starobelsk in das Sonderlager Griasowietz verlegt und somit zu den wenigen Überlebenden der Massaker gehören.

Eine besondere und sonderbare Persönlichkeit im Lager Koselsk ist der NKWD-Major Wassili Michailowitsch Zarubin.21› Hinweis Er ist die dominierende Kraft, obwohl er nicht Lagerkommandant ist. Seine Stellung sowie Aufgabe sind für die Gefangenen nicht klar erkennbar. Im Gegensatz zum sonstigen Lagerpersonal ist er weltläufig und gebildet, spricht deutsch, französisch und etwas englisch. Zarubin bringt auch Bücher ins Lager. Die Titel dürfen die Häftlinge selbst wählen. Besonders begehrt ist Winston Churchills »The World Crisis« von 1931. Scheinbar zufällig und willkürlich lädt Zarubin den einen oder anderen Gefangenen zu einem Plauderstündchen ein, zu dem gewöhnlich noch ein weiterer NKWD-Offizier erscheint. Es gibt Tee, Zigaretten, manchmal sogar Orangen – ein kaum zu fassender Luxus. Bei diesem Komfort taut mancher Häftling auf, es kommt zu politischen und philosophischen Gesprächen. Stets zeigt sich Zarubin als guter Zuhörer. In der sonst so deprimierenden Umgebung wirkt er wie der lebende Beweis für die Einheit von kultiviertem Mensch, Offizier und Kommunist.

Wer ist dieser Zarubin, dem vor allem die älteren Polen gefühlsmäßig misstrauen? Geboren wird er 1894 in Moskau. Im Ersten Weltkrieg wird er wegen Anti-Kriegs-Agitation einem Strafbataillon der Kaiserlichen Armee zugeteilt und 1917 verwundet. Während der Revolution und im Bürgerkrieg kämpft er in der Roten Armee, ist seit 1920 bei der Geheimpolizei Tscheka, dann GPU. In Wladiwostok bekämpft er Drogen- und Waffenhandel von Europa nach China. 1925 wechselt er zur Auslandsaufklärung, er wird in China, Finnland, Dänemark und Deutschland als Geheimagent eingesetzt, teils unter falscher Identität als tschechischer Staatsbürger namens Jaroslaw Kocek. Dort arbeitet er zusammen mit seiner Frau Elisabeth Rosenzweig, die sich als Mariana Kocek ausgibt. Als Hitler an die Macht kommt, wird er von Frankreich nach Deutschland versetzt, 1937 kehrt er in die Sowjetunion zurück.

Kurz nach seinem Auftrag im Lager Koselsk wird Zarubin beschuldigt, für die Gestapo zu arbeiten, kann das aber entkräften, ohne Schaden zu nehmen. 1941 wird er wieder nach China geschickt, wo er von einem hochrangigen deutschen Berater Chiang Kaischeks Informationen erhält, dass Hitler plane, zur Jahresmitte 1941 die Sowjetunion anzugreifen. Im Herbst 1941 reist Zarubin mit seiner Frau als legaler Resident in die USA, wo er unter dem Namen Zubilin arbeitet. Im Oktober erhält er von Stalin persönlich den Auftrag, mehr über die Absichten der USA hinsichtlich ihrer Deutschland-Politik herauszufinden. 1944 wird er zurückgerufen: Er muss sich erneut Beschuldigungen stellen, für die Deutschen oder das amerikanische FBI zu arbeiten, und wieder überlebt er, wird sogar wegen herausragender Leistungen zum Kommissar für Staatssicherheit und im Juli 1945 zum Generalmajor ernannt. 1948 muss er wegen gesundheitlicher Probleme die Arbeit als stellvertretender Chef der Auslandsspionage aufgeben. Zarubin stirbt 1972.

Seinerzeit im Lager Koselsk führt Zarubin eine Art Auswahlverfahren, mit dem festgestellt werden soll, welche der Gefangenen für die Sowjetideologie zu gewinnen oder sonst irgendwie nützlich sein könnten. Das können Sprachkenntnisse, besonders bei Funkern, ebenso sein wie Auslandserfahrungen. Das Interesse des NKWD sieht es auch auf die Bereitschaft zu Kollaboration und Spitzeltätigkeit ab. Über jeden Gefangenen, auch in den anderen Lagern, ist eine Akte angelegt: mit Fingerabdrücken, Fotos, Verhörprotokollen, Berichten der Lagerbehörden, Aussagen von Mitgefangenen, Abschriften aus der Gefangenenpost oder zurückgehaltenen Originalen. Für die Lagerinsassen, die dergleichen nicht wissen können, ist General Zarubin jedenfalls ein Rätsel.

Schließlich geht General Henryk Minkiewicz zu ihm. »Machen Sie uns nicht nervös. Es laufen so viele Gerüchte um. Sagen Sie uns, was Sie mit uns vorhaben!« Zarubin: »Ich glaube nicht, dass es richtig wäre (…). Sie würden verrückt (…), wenn ich es Ihnen sagte. Ich versichere Ihnen, Herr General, es ist besser für Sie, wenn Sie nicht wissen, was wir mit Ihnen vorhaben.«22› Hinweis

Der Mordbefehl

Am 5. März 1940 ist es so weit. Das Politbüro, oberstes Gremium der Partei, tagt. Es besteht nur aus einer Handvoll Leuten, Josef Stalin, Lawrentij Berija, Wjatscheslaw Molotow, Kliment Woroschilow, Anastas Mikojan, Michail Kalinin und Lasar Kaganowitsch, die aber als höchste Gewalt in Partei und Staat unvorstellbare Macht über Leben und Tod besitzen. Sie alle kennen sich gut als Revolutionäre der ersten Stunde.

Die Auswahlverfahren in den NKWD-Lagern waren offenbar nicht erfolgreich. Am 4. März 1940 kehrte Zarubin nach Moskau zurück. Die übergroße Mehrzahl der Gefangenen erwies sich als immun gegen die Werbungen. Berija ist sichtlich wütend und aufgebracht über diesen Befund, wie die Sprache des Memorandums, das er vorlegt, zeigt. Die Dienstmitteilung, die Berija vorbereitet hat, trägt die Nummer 794/B. Sie ist nicht besonders lang. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, um was es da geht. Das Thema des Volkskommissars für Inneres sind polnische Gefangene und Inhaftierte im Machtbereich der UdSSR. Die Polen seien »allesamt eingefleischte, unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht«, heißt es dort. Berija will bei dieser Gelegenheit, das zeigt die Dienstmitteilung deutlich, insgesamt reinen Tisch mit den Polen machen. Neben den Offizieren und Reserve-Offizieren sollen auch andere »Nationalisten und konterrevolutionäre Aktivisten« erschossen werden. Das betrifft Reservisten, Intellektuelle, Geistliche und Polizisten mit Blick auf Ostpolen und die besetzten Gebiete.

Angesichts deren »hoffnungslos verstockter und erklärtermaßen sowjetfeindlicher Haltung« schlägt er vor, gegen die »14 700 in Kriegsgefangenenlagern befindlichen ehemaligen polnischen Offiziere, Beamte, Gutsbesitzer, Polizisten, Gendarme, Ostsiedler und Gefängnisaufseher« sowie gegen »11 000 in Gefängnissen der ukrainischen und weißrussischen Westgebiete einsitzende Mitglieder verschiedener konterrevolutionärer und Diversanten-Organisationen, ehemalige Gutsbesitzer, Fabrikanten, ehemalige polnische Offiziere, Beamte und Fahnenflüchtige« eine Entscheidung zu treffen, und zwar: »Anwendung der Höchststrafe gegen sie – Tod durch Erschießen.« Weiter heißt es: »Die Verfahren sind durchzuführen, ohne die Gefangenen vorzuladen und ohne ihnen die Anklage vorzulegen.« Wie im Einzelnen zu verfahren sei, solle der NKWD-Troika Berija, Bogdan Kobulow, Kommissar der Staatssicherheit im Generalsrang, und Leonid Baschtakow, Major der Staatssicherheit, überlassen werden. Soweit die Beschlussvorlage Berijas.

Stalin macht nun etwas Merkwürdiges: Er streicht den Namen Berija und ersetzt ihn durch den des NKWD-Generals Wsewolod Merkulow, dem späteren Minister für Staatssicherheit. Ansonsten genehmigt er die Vorschläge durch seine Unterschrift auf dem Beschlussprotokoll Nr. 13/144. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare Wjatscheslaw Molotow, sein Stellvertreter Anastas Mikojan und Verteidigungsminister Kliment Woroschilow zeichnen gegen. Hinzu kommen zwei Annotationen zum Einverständnis: »Kalinin – dafür«; »Kaganowitsch – dafür«. Die gesamte Sowjetführung hat damit unterzeichnet. Ein Mordbefehl über mehr als 25 000 Polen mit einem Federstrich.23› Hinweis

Die Schreibtischtäter spielen später, trotz mancher Berg- und Talfahrt wegen anhaltender Machtkämpfe, bedeutende Rollen in Partei und Staat, bewegen sich teils auf internationalem Parkett. Molotow, zur Zeit des Mordbefehls als Vorsitzender des Rats der Volkskommissare mächtigster Mann nach Stalin, unterschrieb als Volkskommissar des Äußeren 1939 den Hitler-Stalin-Pakt. Stalin gibt ihm den Spitznamen »Eisenarsch«. Molotow nimmt bis 1949 als Außenminister an allen wichtigen internationalen Konferenzen teil, die das Gesicht der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg prägen. Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow schiebt ihn als Botschafter in die Mongolei ab. Molotow stirbt 1986 in Moskau. Er liegt in der Familiengrabstätte auf dem Nowodewitschi-Friedhof.24› Hinweis

Woroschilow stellt sich nach dem Tod Stalins 1953 mit Chruschtschow und anderen gegen Berija, was mit dessen Todesurteil und Erschießung endet. Woroschilow selbst wird Vorsitzender des Obersten Sowjets und somit formelles Staatsoberhaupt. Mit 89 Jahren stirbt er 1969 und wird an der Kremlmauer beigesetzt, an der ihn ein Denkmal ehrt. Die Militärakademie des Generalstabes der Sowjetunion wird nach Woroschilow benannt, die Stadt Luhansk in der Ukraine (russisch Lugansk) heißt von 1935 bis 1958 und von 1970 bis 1990 Woroschilowgrad, ebenso von 1935 bis 1960 die Stadt Ussurijsk im Fernen Osten. Auch einige Dörfer und Kolchosen tragen seinen Namen. In der DDR gibt es ein Ferienlager »Klim Woroschilow« bei Templin in Brandenburg, in Leipzig bis 1992 die Kliment-Jefremowitsch-Woroschilow-Oberschule, die sich dann in Immanuel-Kant-Gymnasium umbenennt.

Anastas Mikojan gehört bis 1966 dem Politbüro, später Präsidium genannt, an. Nach Stalins Tod bleibt er als Handelsminister Regierungsmitglied. 1954 besucht er die DDR als Gast des Präsidenten Wilhelm Pieck auf dem IV. Parteitag der SED. 1956 leitet Mikojan auf dem XX. Parteitag die Abrechnung mit Stalin ein, dessen Sarg er 1953 mittragen durfte. Er reist viel, auch in die USA, und führt Errungenschaften wie Selbstbedienungsläden und Speiseeis in der Sowjetunion ein. In der Ära des Parteichefs Leonid Breschnew wird Mikojan 1964 Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets, also Staatsoberhaupt der Sowjetunion, tritt aber schon ein Jahr später aus gesundheitlichen Gründen zurück. Er lebt als Pensionär in einem Landhaus bei Moskau, das einem Adligen aus dem Kaukasus gehörte, unterhält eine Villa am Schwarzen Meer und hat weiterhin ein Büro im Kreml. 1978 stirbt er. Seine Urne wird nicht an der Kremlmauer beigesetzt, sondern auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof. Auf seiner Grabplatte steht ihm zu Ehren ein großes Büstendenkmal auf hohem Sockel.

Michail Kalinin ist seit 1926 Vorsitzender des Politbüros und bleibt es bis zu seinem Tod 1946. Er wird an der Kremlmauer beigesetzt. Ein großes Denkmal erinnert an ihn in St. Petersburg, wo er als Revolutionär tätig war. Seine Heimat Twer heißt von 1931 bis 1990 »Oblast Kalinin«, eine Stadtgründung bei Moskau zunächst »Kaliningrad«, seit 1995 Koroljow. Die alte deutsche Ordens- und Krönungsstadt sowie Heimat Immanuel Kants, Königsberg in Ostpreußen, trägt weiterhin seinen Namen. Auf Rügen werden auch heute noch Schiffstouren und Seebestattungen mit dem Hochseekutter »M. J. Kalinin« angeboten.25› Hinweis

Lasar Kaganowitsch, der Verantwortliche für die Zwangskollektivierung mit Millionen von Hungertoten und für die Deportation ganzer Völkerschaften in den 1920er-Jahren, wurde 1930 mit nur 37 Jahren Mitglied des Politbüros, was er bis 1957 bleibt. Sein Beiname lautet »Eiserner Kommissar«. Stets auf der Suche nach Abweichlern, kämpft er sein Leben lang gegen »Sabotage« und deckt fortwährend »konterrevolutionäre Verschwörungen« auf. Aus Moskau will Kaganowitsch eine Idealstadt machen. Dazu beginnt er nicht nur den Bau der Moskauer Metro in eigenem Stil, sondern zerstört auch etliche historische Stadtbereiche und Kirchen. Seine Aufgabengebiete und Ämter, mal für die Schwerindustrie, mal für das Eisenbahnwesen, wechseln ständig und sind kaum zu überschauen. Von Chruschtschow wird er als Direktor des Ural-Asbest-Kombinats nach Kasachstan abgeschoben. Als er ständig den Stalinismus feiert und anfängt, die Region Swerdlowsk gegen Moskau aufzubringen, wird er pensioniert. Er stirbt in Moskau im Sommer 1991, nur Monate vor dem Ende der Sowjetunion.

Diese Männer haben den Tod der polnischen Offiziere und Reserve-Offiziere beschlossen. 15 000 Männer umzubringen, erfordert kaltblütige Berechnung und genaue Planung. Alles wird bis ins Kleinste in der Moskauer NKWD-Zentrale vorbereitet und durchorganisiert, nichts bleibt dem Zufall überlassen. Ergänzend zum Mordbefehl ordnet das NKWD zwei Tage später an, die Familien der Offiziere im Machtbereich der Sowjetunion nach Kasachstan zu deportieren. Als Familienmitglieder gelten Ehefrau und Kinder, dazu Eltern und Geschwister, sofern sie »im Familienverband leben«. Zugriffsgruppen von jeweils drei Mann werden gebildet, um die Familien allesamt an einem festgelegten Tag »im Morgengrauen« dem Deportationspunkt zuzuführen. 26› Hinweis

Am 22. März 1940 verfasst Volkskommissar Berija den Befehl 00350 »Über die Entlastung von NKWD-Gefängnissen Weißrusslands und der Ukraine«. Die Koordination übernimmt der Leiter der NKWD-Abteilung für Kriegsinhaftierte, Major Pjotr Soprunenko. Wichtig ist auch der Chef der Hauptverwaltung Transportwesen des NKWD, Solomon Milstein. Die weitere Durchführung der Ermordung obliegt den regionalen NKWD-Stellen, also denen in Smolensk für das Lager Koselsk, in Charkow für das Lager Starobelsk und in Kalinin (Twer) für das Lager Ostaschkow.

Das NKWD-Schema sieht folgendermaßen aus: Zunächst müssen die Männer in Sicherheit gewiegt werden, damit sie nicht rebellieren. Dazu wird die Verlegung oder sogar Vorbereitung der Entlassung vorgegaukelt. Dann werden die Gefangenen in Gruppen abgeholt und zu den Hinrichtungsorten gebracht. Während der längeren und von Pausen unterbrochenen Fahrt erhalten sie kaum zu essen, um sie weiter zu schwächen. Besonders grobe Behandlung schüchtert sie zusätzlich ein.

In der ersten Aprilwoche 1940 streuen die Wachen in allen drei Lagern das Gerücht aus, die Gefangenen würden bald nach Polen einschließlich des von den Deutschen besetzten Teils entlassen. Hin und wieder lässt ein NKWD-Offizier eine Andeutung fallen, wie etwa: »Sie kommen Richtung Heimat.« Sofort hebt sich die Stimmung.

Dass die Polen den Deutschen überstellt werden sollen, klingt sogar plausibel. Hitler und Stalin sind Verbündete und schlossen am 28. September 1939 ein Grenz- und Freundschaftsabkommen. In den geheimen Klauseln war ein Gefangenenaustausch vorgesehen. Hitler sollte die Volksdeutschen unter sowjetischer Besatzung bekommen, dafür Stalin die Ukrainer und Weißrussen unter deutscher Okkupation. Ein erster Austausch kam tatsächlich zustande. Zwischen dem 24. Oktober und dem 23. November 1939 übergaben die Sowjets den Deutschen 42 492 Gefangene aus ihren Lagern und erhielten im Gegenzug 13 757 Polen. Aber dann beschlossen die Deutschen im Frühjahr 1940, 30 000 Ukrainer, die sich über die Ribbentrop-Molotow-Linie in das deutsche Besatzungsgebiet geschlagen hatten, in die Wehrmacht zu übernehmen. Die Sowjets protestierten und verlangten die Übergabe der Ukrainer. Als Gegenleistung boten sie die Auslieferung der polnischen Offiziere an. In einem Notenwechsel wurde dies zunächst auch beschlossen. Deutsche Stellen in Warschau teilten den Polen sogar schon das genaue Datum mit, wann die Offiziere zurückerwartet würden. Doch dann ließen die Deutschen die Sowjets plötzlich wissen, dass sie die Ukrainer nicht ausliefern würden. Somit blieben auch die polnischen Offiziere bei den Sowjets.

27 Hinweis